Im Wilden, Wilden Westen, da gab es einen Mann…
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Man unterstellt Red Dead Redemption gerne, es sei das “Grand Theft Auto” des Westerns. Aber während Rockstars Programmierer noch bei GTA IV versuchten, New York City möglichst naturalistisch nachzubilden, mit Getränkeautomaten, Müllabfuhr, Radioprogramm und Internet, ist Read Dead Redemption ein weitaus schlichteres Spiel. Die Interaktion zwischen Spieler, in Gestalt des alternden Kopfgeldjägers John Marston, und der Spielwelt beschränkt sich im Wesentlichen auf Reiten und Schiessen: Wer schneller reitet und schneller schiesst, der gewinnt. Doch besser könnte man sich dem Filmgenre des Westerns eigentlich nicht nähern, als eben durch die Beschränkung auf das Wesentliche, auf die harten Männer, rauchenden Colts und das Durchqueren der wilden Landschaft.
Die Landschaft, sie ist der eigentliche Star des Spieles und übt die selbe Faszination aus, wie in den grossen John Ford Western. Man durchreitet das Monument Valley, bestaunt wie die Sonne die Tafelberge in rotes Leuchten taucht und kann sich kaum an den unglaublichen Lichteffekten sattsehen. Der ur-amerikanische Traum der Freiheit scheint hier greifbar zu werden. “Die Welt” geht sogar so weit und sieht in Read Dead Redemption die finale Version des Westernfilmes, die sich erstmals nicht darauf beschränken muss die Freiheit abzubilden, sondern sie direkt erfahrbar macht. Und ja, auch wenn die Wolken merkwürdig starr am Himmel hängen, die Präsentation der Landschaft ist wahrlich atemberaubend und fängt die Stimmung, einsamer Cowboy in einem ungezähmten Land zu sein, perfekt ein. Das letzte mal, dass ich in einem Spiel derart andächtig auf einer Bergspitze stand und minutenlang den Horizont anstarrte, war in Gothic 2… und das ist vermutlich das größte Kompliment, das ich einem Open-World-Spiel machen kann.
Doch wie in jedem guten Western, allen voran Sergio Leones “Once Upon a Time in the West”, ist auch bei Red Dead Redemption der American Dream längst ausgeträumt. Die Eisenbahn, die bei Leone das Ende des Filmes und des Wilden Westens beschließt, fährt längst im Kreis durch das Spielgebiet, anstatt sich auf den Weg zur verheißungsvollen Küste zu machen. Es gibt keine Ausdehnung nach Westen mehr, keinen Fluchtweg vor der Zivilisation und auch der Fremde in der Wüste, der noch den Traum vom kalifornischen Gold träumt, ist unfähig den richtigen Weg zu finden. Großartig!
So eindrucksvoll und vielschichtig wie die Spielwelt gestaltet wurde, so schlicht und oberflächlich präsentiert man die Figuren. Auch wenn Read Dead Redemption von allen Seiten attestiert wird, es sei die bisher beste erzählerische Leistung Rockstars, so bleiben die Charaktere schablonenhaft, allen voran der Protagonist John Marston. Vielleicht hatte man bei Rockstar keine Lust mehr auf die gebrochenen Figuren wie Nico Bellic und hat sich darum für eine geläuterten Charakter entschieden. Die Idee, einen ehemaligen Desperado zum Helden zu machen, ist ja keine grundsätzlich schlechte. Nur hat Marston seine gesetzlose Vergangenheit leider gegen das Idealbild aus “unsere kleine Farm” getauscht: Vater, Mutter, Kind und Kuh. Es mag erzählerisch funktionieren, ist dabei aber so furchtbar amerikanisch-unkritisch und stereotyp, dass es schmerzt. Ebenso verhält es sich mit der Darstellung von Minderheiten, bei der man jegliches Fingerspitzengefühl vermissen lässt. Der einzige Indianer im Spiel hat anscheinend nur die Funktion, kitschige Worte über die letzten Büffel und den abgeholzten Wald von sich zu geben. Der Ire ist selbstverständlich besoffen.
Das wäre alles nicht so störend, wenn man im selben Atemzug nicht ständig “große” Themen verhandeln wollte. Die Dialoge kreisen penetrant um Religion, Revolution und Wissenschaft und sind dabei nicht mal schlecht geschrieben, sie wirken aber aufgesetzt und künstlich während der Kern des Spieles eher schlichte Antworten liefert.
Kommen wir nun zum Sex. Read Dead Redemption zeigt, rockstar-typisch, eine stark sexualisierte Welt. Prostituierte gehören wie selbstverständlich zum Straßenbild und Sex wird regelmäßig thematisiert und vollzogen, doch erstaunlich ist, von wem. Denn während die Hauptfiguren in GTA IV noch selbst zu den sexuell aktiven gehörten und Sexualität ganz bewusst eingesetzt wurde, um Männlichkeit und Macht der Protagonisten zu unterstreichen (Sex also grundsätzlich positiv konnotiert ist) wird Sexualität bei Read Dead Redemption ausschließlich von den Schurken ausgeübt. Diese plündern und morden nicht nur, sondern sie betrügen und vergewaltigen am laufenden Band. Unser Held Marson dagegen lebt keusch, er hat sich der Zivilisation angeschlossen in der Waffengewalt legitim und unehelicher Sex böse ist. Amerika, Amerika!
Das scheint dann auch das zentrale Thema zu sein, die Zähmung des Wilden Westens. John Marston legt seine dunkle Vergangenheit ab und bringt den Menschen die Gesetze und die amerikanischen Ideale nahe. Er überwindet den wilden, den gesetzlosen Westen, bis hin zur ultimativen Konsequenz: Denn auch der geläuterte Schurke muss sich dem modernen Staat beugen. Marston trägt es mit Fassung.
Aber während man in der Erzählung dazu neigt, die Errungenschaften der Zivilisation unkritisch zu präsentieren und die amerikanische Gesellschaft als logischen Sieger darzustellen, machen die Spielregeln das genaue Gegenteil, sie betonen grade in der Offenheit der Landschaft und der Dominanz der Waffengewalt den unzivilisierten, den wilden Westen… und das ist eine interessante, extrem spielenswerte Mischung.
Er zog von Stadt zu Stadt auf seinem weißen Pferd
so manche Frau hat ihn verflucht, so manche ihn begehrt
und manchmal im Hotel
wenn die Sonne unterging
spielte er Mundharmonika
die sonst vom Gürtel hing
Ja er war auch ein Country-Song-Komponist
aber mehr als Hobby
denn hauptsächlich war er Fatalist.– Franz-Josef Hagmanns-Dajka
Das Bild ist eine Photoshop-Collage aus Rockstars Promomaterial und einer der tausend USA-Flaggen der Wikimedia Commons. Die Marke “Red Dead Redemption” und alles was da dranhängt gehört natürlich Rockstar, ebenso die Screenshots die wir uns mangels Screenshotfunktion dieser Konsolengeneration ausborgen mussten. Multiplayer soll das Spiel übrigens auch haben, aber ein einsamer Cowboy braucht kein “Capture the Flag”!






Netter Text mit interessanten Feststellungen. Ich werde mir RDR sicher mal anschauen, auch um zu sehen, ob ich damit besser klar komme als mit GTA4. Da fand ich überhaupt nicht ins Spiel: Hakelige Steuerung, Realismus-Approach dauernd vom Spiel(nicht-)geschehen zerstört… Western dürften da trotz der Weite der Prärie “greifbarer” sein. Bis dahin schaue ich vielleicht mal wieder den definitiven Italo-Western “Keoma”.
PS: Gibt’s in RDR wirklich so viele Grafikfehler und Glitches? Wird da was gepatcht?
Es ist schon ein kleiner Kampf zwischen Erzählung und Spielwelt. Wenn Du bei GTA ausschliesslich mit dem Taxi herumgefahren bist weil Dich die Stadt gestört hat, dann wirst Du an Red Dead Redemption wenig Freude haben. Die Missionen sind zwar brauchbar, aber der große Reiz des Spieles liegt in der Landschaft.
Was die Bugs betrifft:
Vielleicht habe ich nur Glück gehabt, aber mir ist nichts unangenehm aufgefallen. Die Pferde verhalten sich an steilen Kanten manchmal etwas unberechenbar, aber die ganzen grafischen Merkwürdigkeiten bei denen Pferde mit Menschenmodellen herumlaufen sind mir nicht begegnet.
Toll geschriebener Artikel, gefällt mir sehr gut! Und er erklärt auch, warum mich das Spiel nicht so fesselt wie GTA. Die Landschaft und die Westernwelt sind der Star, aber die üben keinen wirklich großen Reiz auf mich aus, war nie der Westernfan und kenne wenig Filme in dem Genre. Mir fehlt der Humor und die Popkultur-Anspielungen von Liberty City. Außerdem ist mir Marston, wie Du oben schreibst, auch echt zu prüde. Dann doch lieber Hot Coffee als Blümchen pflücken.
apropos statische Wolken:
http://www.youtube.com/watch?v=Gh9NgN8W5MQ
Ich kenne sicherlich nicht jeden Western, aber mein Eindruck ist schon der, dass man bei Red Dead Redemption etwas behutsamer mit den Inspirationsquellen umgeht, als bei GTA wo man stellenweise das Gefühl bekommt, man würde nur noch berühmte Filmszenen nachstellen.
Was Marston betrifft, das ist vermutlich Geschmacksache, den ein oder anderen wird es freuen wenn er endlich mal kein Arschloch spielen muss, mir sind die Motive der Figur aber zu glatt.
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Hübsches Filmchen. Im Timelapse Video wirkt der Himmel doch etwas dynamischer als im Spiel selbst. War übrigens ein verdammt cleverer Zug von Eurogamer, sich Digital Foundry einzukaufen.
sehr schön geschrieben. ihr habt es wirklich auf den punkt gebracht. hätte ich nicht besser sagen können. das spiel macht zwar jede menge spass und spricht erstaunliche themen an, schafft es aber dann doch nie mich länger als 2-3h am stück zu fesseln. irgendwie wirkt dann doch alles zu glatt (irgendwie, so als ob man es sich auch sicher mit keinem potentiellen käufer und mit keiner zensurstelle verscherzen will). aufgesetzt glatt. wie gesagt, sehr schön geschrieben!