Klötze

von Ben am 28/01/2011

Schweinchen!

Stellen wir uns für einen Moment vor, es gäbe so etwas wie eine deutsche Videospieleblogszene und stellen wir uns weiter vor das Gemeinschaftsblog Polyneux wäre ihr Leitwolf. Wenn sich nun eben jener Leitwolf dazu entschlossen hat, 20% des Jahresbudgets für Rückblicke auf das Jahr 2010 auszugeben, dann ist es nur recht und billig wenn auch die Actionbude weiterhin im Jahr 2010 verbleibt. Wir schämen uns darum nicht hier öffentlich zuzugeben, dass wir eigentlich immer noch das gleiche spielen wie im letzten Jahr, nämlich all die Spiele mit dem schönen Suffix “-craft”. In diesem Sinne kann und soll dieser Artikel als erweiterter Jahresrückblick verstanden werden, ein Jahresrückblick auf das Spiel, das unser Leitwolf in geistiger Umnachtung vollständig ignoriert hat (ernsthaft Mädels und Jungs, ich mag euch, aber ihr spielt zu viel Schrott). Vor allem haben wir uns gedacht dass ein Spiel mit mehr als einer Millionen Spielern fantastisch zur offensiven Steigerung von Klicks und Besucherzahlen sein muss. Denn wenn wir ehrlich sind ist es doch das was wir alle wollen, so groß und berühmt werden, dass endlich mal jemand kommt der einem ein ernsthaftes Angebot macht.Ich rede von Bestechung. Ähm, Minecraft, ich rede natürlich von Minecraft.

Minecraft, das ist das Spiel mit den Klötzen, nahezu komplett von einem Schweden im Alleingang entwickelt. Grafisch dominiert Pixelkunst (welche mit dem Attribut „retro“ übrigens wenig zu tun hat, aber das ist eine andere Debatte) die am Anfang vielleicht etwas befremdlich wirkt. Aber nachdem man das erste putzige Schweinchen gesehen hat, verwandelt sich die Skepsis in Begeisterung. Oh, pixelige Kühe. Hallo Klötzchentintenfisch!

Das Spannende an Minecraft ist aber eigentlich der merkwürdige Zustand zwischen Spiel und Spielzeug. Zunächst haben wir ein Spiel wie Schach, „Die Siedler von Catan“ oder „Halo“. Es gibt klare Regeln, benutze die Axt mit dem Steinklotz und du bekommst einen Stein. Kombiniere einen Stock und ein Stück Kohle für eine Fackel – und es gibt ein Ziel, baue Dir innerhalb von zehn Minuten einen Unterschlupf, sonst frisst dich der Zombie. Dazu ein wenig die Gegend erkunden, mehr Klötze sammeln, vielleicht Gold und Diamanten finden und den ein oder anderen Zombie verhauen. Das ist alles wunderbar, aber auf Dauer etwas ziellos… und hier beginnt der Prozess der Transformation, vom Spiel zum Spielzeug. Denn Minecrafts Regelwerk ist gar nicht so zwingend, wie anfänglich vermutet. Die Zombies sind, hat man die erste Nacht überstanden, größtenteils harmlos und sämtliche Monsterbegegnungen stellt keinerlei Anforderungen an Geschick, Reaktion oder Planungsvermögen. Man meidet sie eher aus Bequemlichkeit, denn aus Furcht vor einer Niederlage. Was bleibt ist ein Rucksack voller bunter Klötze.

Goldene Statuen

Zuerst fängt man an, den Unterschlupf zu vergrößern. Dort zwei neue Klötze stapeln, hier drei wegnehmen. Man baut einen Lagerplatz für sein Material, dann ein Panoramafenster, ein größeres Dach, einen Balkon, einen Keller und eine Grube um noch mehr bunte Klötze zu fördern. Es folgt ein Burggraben, ein Garten, eine Brücke, eine Strandpromenade, ein künstlicher See, eine goldene Statue, ein gigantischer Space Invader und eine 1-zu-Klotz-Kopie des lokalen Fußballstadions. Anschließend bemerkt man, dass man sich bei den Proportionen um zwei Klötze verschätzt hat, reißt alles noch einmal ab und beginnt von vorn, doppelt so groß, doppelt so prächtig. Die Rückseite eines alten Karoblocks füllt sich derweil mit Skizzen und Berechnungen. 500 Meter Schienen = 500/16 * (6x Eisenbarren + 1x Stock) = Verflucht viel Eisen, Kohle und ein bisschen Holz. Ich brauche eine neue Axt!

Schachbrett und Mohai

Das erinnert nicht nur zufällig an die Zeiten, da man mit an den Knien aufgeschürfter Jeans über den Zimmerfußboden rutschte und die Marsoberfläche mit Legosteinen nachstellte, natürlich inklusive Weltraumpiratenbasis mit motorisierter Hebebühne und beleuchteter Radarschüssel. Minecraft ist eben dies, ein virtueller Baukasten und vielleicht das erste wirklich zugängliche, da vor allem spielerische Werkzeug zum erstellen dreidimensionaler Objekte am Computer. Ich bin vermutlich nicht der einzige der sich allein von der Benutzeroberfläche eines 3D-Studio Max, AutoCADs, Blender oder Mayas einschüchtern lässt, in Minecraft dagegen habe ich einen Palast auf einer schwebenden Insel mit Himmelbett und Wasserfall gebaut, innerhalb weniger Stunden.

Eine Stadt

Aber Minecraft spielt man nicht nur auf dem eigenen Fußboden: Wirft man seine Klötze mit anderen Spielern zusammen, dann entstehen gigantische Welten, bunt, kreativ, albern und kindisch. „Super Penis Länd 2“ des Superlevel Minecraft-Servers sei hierfür das Paradebeispiel. Goldene Phallus-Stauen am Eingang, dann ein Leuchtturm, ein Kasten im Bauhaus-Stil, postmoderne Glasfassaden, gigantische Türme, ein Mohai, ein Fachwerkhaus, ein Schachbrett, eine Sandburg, ein Kinderkarussell und etwa 50 weitere Gebäude, am Strand kämpft Super Mario gegen Mega Man.

Am Strand

Mit der Zombieabwehr der ersten Spielminuten hat das alles nur noch wenig zu tun und auch im echten Jahresrückblick habe ich mich eher abfällig über die scheinbare Notwenigkeit von Monstern geäußert. Aber wenn man dann doch wieder ein neues Spiel startet, dann ist der Kampf gegen die ersten Zombies, das vorsichtige Vorantasten in der ersten eigenen Mine und der ständige Mangel an Lichtquellen doch etwas, das zum Spiel dazu gehört. Es ist vielleicht nicht der stärkste Aspekt, aber es ist gut zu wissen, dass es ihn gibt.

Karte des Servers minecraft.superlevel.de

Ach ja, ein versöhnlicher Artikelabschluss. Wir sind bei 800 Wörtern angekommen, dafür dass ich nur ein paar Screenshots und Karten des Superlevel Minecraft-Servers posten wollte, ist das eigentlich schon viel zu viel.

Jeremy von Superlevel ist nicht nur der drittgrößte lebende Minecraftfan, sondern betreibt unter minecraft.superlevel.de einen netten kleinen Minecraft-Server.
Minecraft gehört Mojang AB.

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Es gibt 13 Kommentare zu diesem Artikel:

  1. 28/01/2011Jeremy says:

    Yoink!

  2. 28/01/2011Shortee says:

    Schöner Artikel, großartiger Server :D

  3. 28/01/2011Fabu says:

    Notiz an mich: Ben für Superlevel assimilieren.

  4. 29/01/2011Kai says:

    Da verstehe einer die Blogger: jahrelang über Second Life lästern und dann Minecraft super finden …

  5. 29/01/2011marc says:

    niedriger ikonizitätsgrad makes the heart grow fonder.

  6. 29/01/2011Ben says:

    @Kai:
    Ich habe hier zwar noch nicht öffentlich über Second Life gelästert, aber Du hast recht, ich tue das seit Jahren gern, wenn sich mal die Gelegenheit ergibt. Ich kann mich allerdings nicht erinnern mal über die Möglichkeit gelästert zu haben, sich dort ein eigenes Haus zu bauen.
    Ich lästere, weil Second Life viel zu viel will, es will dass ich dort ein zweites Leben eröffne, Minecraft will nur, dass ich dort Klötze aufeinander schichte.

    Meine Uni hat ein eignes Second Life Projekt. Dort steht dann der Avatar eines Dozenten vor den Avataren seiner zwei Mitarbeiter in einem virtuellen Hörsaal vor seinen virtuellen Powerpoint-Folien und erzählt den Leuten die drei Räume nebenan sitzen etwas über virtuelles E-Learning. Wie soll man da nicht lästern? Second Life ist einfach diese alte Vorstellung vom “Cyberspace” der sich vom realen Leben nur physikalisch unterscheidet. Ich soll dort shoppen, Freunde treffen und romantische Abendessen geniessen. Ist ja eine ganz nette Idee, nur haben die Damen und Herren nicht verstanden, dass das “normale” Internet längst viel weiter ist. Statt die Realität zu kopieren gibt es inzwischen ganz andere Lösungen, viel effizientere, die sich in einem grafischen Raum einfach nicht vernünftig abbilden lassen… man stelle sich Amazon mal als 3D-Kaufhaus vor.

  7. 29/01/2011Kai says:

    Das Nachäffen der Realität gibt es bestimmt in Second Life, aber auch sehr abstrakte, kunstvolle Plätze, die leider im Medienrummel nie erwähnt wurden. Lass mal Hinz & Kunz nach Minecraft kommen, dann wird es auch heißen, Minecraft sei ein großer Chatraum mit Furry-Sex.
    Mich irritiert an der Minecraftgeschichte eben, dass Second Life genau das alles kann und gemacht hat, was Minecraft nun in 8bit-Grafik liefert. Und wenn du wolltest konntest du in Second Life auch 8bit-Texturen importieren.
    Außerdem hat Minecraft keine implementierte Script-Sprache (oder irre ich mich?) und ist auch sonst lange nicht so felxibel. Ich werde mich erst für Minecraft interessieren, wenn ich etwas wie dieses 5 Jahre alte Video aus Second Life dort sehen kann: http://www.youtube.com/watch?v=q_54JGOSE0g

  8. 29/01/2011Ben says:

    Vielleicht hätte ich meine ersten Sätze näher ausführen sollen. Natürlich kann ich alles was ich in Minecraft tun kann auch in Second Life umsetzen, da könnte ich es auch scripten, animieren und mit eigenen Texturen versehen. Ich kann auch alles was ich in Second Life gestalten kann in Blender umsetzen, da kann ich alles ungleich komplexer und besser machen und habe da am Ende nicht so ein Machinima-Ding, sondern einen richtigen Film.

    Aber das ist eben genau der Punkt von Minecraft, es ist fokussiert, und zwar auf ein sehr sehr einfaches Bausystem: Würfel in der Welt entfernen oder hinzufügen, das war es eigentlich schon. Da gibt es nicht mal eine großartige “Lernkurve”. Minecraft hat zwar eine gewisse Komplexität, aber verglichen mit Second Life ist das alles ein Witz. Ebenso ist das Interface ein Witz. Es gibt WASD, linke Maustaste, rechte Maustaste und Inventar. Second Life fühlt sich dagegen an wie ein Betriebssystem, dutzende von Menüs und Untermenüs, das ist kein Spiel mehr und auch kein Spielzeug, das ist eine Plattform.

    Minecraft vorzuwerfen es sei primitiver als Second Life verfehlt den Punkt genau so wie einer Legokiste vorzuwerfen, sie wäre keine Holzwerkstatt.

  9. 29/01/2011Kai says:

    Ok, so verstehe ich das jetzt etwas besser. Nur nicht die Begeisterung für Minecraft. Aber das liegt vermutlich daran, dass ich mich auch nicht für Lego (also die Steine, nicht Lego Batman) begeistere …

  10. 30/01/2011Ben says:

    Naja, ich denke es bei Minecraft zuweilen wie bei der Kunst. Mit sehr begrenzten Mitteln etwas schaffen und dabei die Limitierungen des Materials zum Konzept machen. Das kann man spannend finden, muss man aber natürlich nicht.

  11. 21/02/2011Blogger says:

    Die jüngste Ausgabe der GEE hatte mich schon auf Minecraft neugierig gemacht. Ist ein wunderbares Spiel oder halt auch nicht ;-)
    Man muss sich allerdings von hochertigen Texturen, die man täglich um die Ohren…ähhh..Augen bekommt befreien, sonst gibt es nur Frust. Ich würde mehr solcher Perlen begrüßen!

  12. 7/06/2011till says:

    hi ich wolte mal fragen wie so das passiert ist ich meine wie … wieso macht ihr ein artikelabschluss das kann nicht war sein und ich wolte mal fragen ob ich auf euren sever darf wen ihr mir eine antwort geben wolt dein schreibt mir bei skype,msn oder facbook oder auf meiner seite. mit grinsen the phynix

  13. 9/06/2011Ben says:

    Ähm, nichts für ungut, aber ich habe erhebliche Probleme Deinen Kommentar inhaltlich zu verstehen.

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