Modernes Patriotenspiel Zwei

von Ben am 15/11/2009

modern warfare 2

Call of Duty: Modern Warfare 2 ist alles was an “cinematic gaming” gut und schlecht ist, auf engstem Raum.
Vermutlich gehört die Grafik zum besten was derzeit zu finden ist, wenn man denn Zeit hätte, sie näher anzusehen. Doch die hat man nicht, man wird förmlich durch die Level gepumpt, Hans Zimmer ballert aus den Lautsprechern, um einen herum explodiert irgendwas, man rennt, bleibt eine Zehntelsekunde stehen um auf einen Schatten am Dachfirst zu schießen, rennt weiter. Nur für den Fall dass man den Kugelhagel noch nicht mitbekommen hat, brüllt einem der Sargeant “GOGOGO!” ins Ohr.
Die große Schießbude, die das Spiel im Kern ist, der lineare Levelaufbau, die plötzlich aufploppenden Gegner und die merkwürdig konstruierte Story, das alles verschwindet hinter der bombastischen und vor allem rasanten Inszenierung. Geschwindigkeit ist es, was Modern Warfare ausmacht.

Dummerweise muss man das Spiel als vernunftbegabter Mensch verachten, zutiefst. Was alleine in den ersten 5 Minuten an, Entschuldigung, Bullshit geäußert wird, ist kaum zu ertragen. “Every fight is our fight”, mit solchen Floskeln rechtfertigt man mal so eben jeden Militärischen Einsatz weltweit und macht sich dabei nicht einmal die Mühe zu erklären, wer eigentlich der Feind ist. Im Nebensatz stellt man gleich noch den Zusammenbruch der Sowjetunion als aktiven Sieg der USA dar. Natürlich wird das im weiteren Spielverlauf noch viel, viel schlimmer.
Die Welt ruft nach „Heroes“, die anderen Ländern eine nicht näher definierte, aber unglaublich großartige „freedom“ vermitteln sollen. Im Spielablauf bedeutet das konkret: Leute erschießen und deren Leichen mit Sprengstoff verminen. Musik Pathos aus der Konserve. Eigene kognitive Leistungen verlangt zudem weder die Geschichte, noch der Spielablauf, denn ein guter Soldat setzt sich erst gar nicht mit seiner Umwelt auseinander. Er gehorcht Befehlen und ist ein Mann! Frauen sind in einer militärischen Männerwelt bestenfalls Opfer, aber niemals Täter.
Eigentlich schade, dass dem Spiel kein Kotzeimer-Bastelbogen beiliegt! Doch dafür gibt es ja die Actionbude:

Der Call of Duty Modern Warfare 2 Kotzeimer als PDF-Dokument (1,4 MB) zum ausdrucken und selber basteln. Wir empfehlen 1000% Vergrößerung und einen Plotter.

Wenn sich der Magen wieder ein wenig beruhigt hat, stellt man fest, dass nicht alle Mitarbeiter bei Infinity Ward ihre Vernunft verkauft haben. Kommen wir an dieser Stelle also zum viel diskutieren Flughafen-Level… denn er ist gut, verflucht gut sogar.
Für diejenigen, die es verpasst haben: Als Mitglied der besten Eliteeinheit der Welt wird man als bester Undercoveragent der Welt bei den bösesten Terroristen der Welt eingeschleust. Um tausende Leben zu retten, soll man sich, als Terrorist, an einem Terroranschlag auf den Moskauer Flughafen beteiligen.

Drei Dinge sind es, die diese Sequenz so eindrucksvoll machen.
Erstens, das Tempo. Die atemberaubende Geschwindigkeit des Spieles wird radikal zurückgefahren. Man kann sich nur in Schrittgeschwindigkeit bewegen und muss mit ansehen, wie Menschen, die Verwundeten helfen wollen, erschossen werden, wie Polizisten die die Terroristen stellen wollen, mit einer Granate gezielt getötet werden. Die Technik ist überzeugend genug, um wirklich Menschen zu sehen, nicht nur Pixelhaufen.
Zweitens, Modern Warfare bleibt auch hier ein Shooter. Das heißt, die einzige Interaktionsmöglichkeit bleibt die Waffe. Schießt man auf die Terroristen, ist das Spiel vorbei. Also kann man entweder aktiv am Mord teilnehmen oder passiv zusehen. Ich habe verschämt auf ein paar Koffer geschossen, um wenigstens irgendetwas tun zu können. Eurogamer.net sieht hierin eine kritische Reflexion des Genres, das sich komplett der Destruktivität verschrieben hat. Interaktion nur über Kugeln und Explosionen zu realisieren muss zwangsweise unbefriedigend sein.
Drittens, es ist nutzlos. Der Undercoveragent wird trotzdem enttarnt und erschossen. Die utilitaristische Rechnung, einige Zivilisten für das Wohl der ganzen Menschheit zu opfern, geht nicht auf. Im Gegenteil, die Passivität verursacht den folgenden Schlamassel erst und stellt damit für einen kurzen Moment den ganzen Globalen-Antiterror-Undercover-Schwachsinn in Frage. Könnte man den Oberbösen hier anständig verhaften oder wenigstens den Flughafen evakuieren lassen, das Spiel wäre vorbei. Happy End.

Man mag die Flughafensequenz nicht ausschließlich einem kalkulierten Marketing zuschreiben (denn bei der obligatorischen Folterszene hält man sich diesmal dezent zurück), aber es bleibt der fade Beigeschmack der gezielten Provokation. Der Spuk ist schnell vorbei und noch am Ende des Flughafens darf wieder ordentlich geballert werden, ohne schlechtes Gewissen, auf schwarz uniformierte Sondereinsatzkommandos. Die ersten Momente fühlt sich das tatsächlich noch falsch an, danach übernimmt das Tempo wieder die Kontrolle, man schießt, man rennt.
Weitere Überlegungen kann man drüben in den Kommentaren lesen.

Bei allen Interpretationen ist die erzählerische Funktion des Anschlags eindeutig. Man möchte dem Spieler zeigen, wie schlimm ein solches Attentat ist und dass harte Zeiten noch härtere Maßnahmen erfordern: Krieg ist die einzige Antwort. Dass nun aber ausgerechnet Russland den USA den Krieg erklärt und ohne nach den Hintermännern zu Fragen ein ganzes Land in Sippenhaft nimmt, ist durchaus bemerkenswert, ebenso wie die Inszenierung der Invasion selbst.

Anders als z.B. bei „Air Force One“, wo die Autorität des Präsidenten den ganzen Film über erhalten bleibt, wird bei Modern Warfare gleich die ganze Administration ins Chaos gestürzt, wird der Konflikt direkt in Washington DC ausgetragen, wo amerikanisches(!) Militär die Wahrzeichen der eigenen Wertvorstellungen zerstört… natürlich nur als Kollateralschaden, aber dennoch symbolträchtig. Modern Warfare 2 reiht sich damit in andere aktuelle Beispiele ein. Die letzte Staffel der US-Fernsehserie „24“ zeigt eine ähnliche Situation in der feindliches Militär direkt ins Weiße Haus eindringt. Genau so wird im vierten Teil der „Stirb Langsam“-Reihe, zumindest fiktiv, der Kongress in die Luft gesprengt. Infinity Ward geht bei Modern Warfare den Schritt weiter und ersetzt den diffusen „war on terror“ durch einen handfesten Krieg im eigenen Land. Ist dies Ausdruck einer kollektiven Angst, die (internationale) Führungsrolle zu verlieren? Der Wunsch nach klaren Verhältnissen und nach einer unumstößlichen Führungsfigur?

Natürlich reicht das alles nicht, um aus Modern Warfare 2 ein gutes Spiel zu machen. Einerseits wird unterhalten und angeregt, andererseits wird einem wieder speiübel. Die hohlen Parolen, die einem als Werte verkauft werden sollen, dominierenletztlich und auch die Flughafensequenz ist nicht gänzlich überzeugend… trotz selbstreflexiver Momente und brillanter Demonstration, wie Perspektivübernahme in Spielen funktionieren kann.

Multiplayer

Wenn man sich mit einem Spiel wie diesem befasst, muss man sich auch mit anderen Spielern auseinandersetzen. Nach einigen Runden neben Szenegrössen wie “AbZoKa”,” ReMiXx” und “T3cHNo” (kein Scherz) kann ich guten Gewissens sagen: Modern Warfare 2 ist genau wie Counter-Strike.
Dieselbe Klientel (Schüler), derselbe Spielablauf (such den Pixel), dieselbe Ikonographie (für Militärfetischisten). Nicht halb so zugänglich wie ein Team Fortress 2, aber die World of Warcraft-Belohnungsstruktur mit Erfahrungspunkten, Levelaufstiegen und tausenden von freischaltbaren Bildchen, Knarren und sonstigem Gedöns sorgt dafür, dass es nach 2-3 Stunden beginnt, Spass zu machen.

PS: Hat Hans Zimmer seit “Gladiator” eigentlich mal wieder etwas Brauchbares komponiert?

Call of Duty: Modern Warfare 2 (© by Activision und Infinity Ward)
Tungsten Bullets via Flickr (Creative Commons)

Tags: , , , , , , ,

Es gibt 4 Kommentare zu diesem Artikel:

  1. 15/11/2009marc says:

    Hat Hans Zimmer eigentlich jemals etwas brauchbares komponiert?

  2. 15/11/2009HomiSite says:

    Ich habe mich ja schon beim Vorgänger nicht so sehr am Ton/Weltbild gestört, da das Spiel perfekt funktionierte. Das ist bei MW2 nicht mehr ganz der Fall, aber IW schaffen es, ihre Parolen durch schwammige Misstöne zumindest etwas aufzuweichen. Ansonsten gefällt mir deine Analyse, sicher prägnanter als mein Geschreibsel, hehe. Und Multiplayer ist an sich super, aber bin da noch in der Meinungsbildung. Spielchat geht aber mal gar nicht, das ist zermürbend. Aus CoD4 sind Spielernick-Highlights z.B. “Sterbehilfe” – oder alle Namen, die “zZz” oder “xx” oder “II” am Anfang/Ende haben, weil der Lieblingsnick schon vergeben war – “Ich bin ‘zZz Rul0r zZz’!” :-) .

    PS: Der Tungsten Bullets-Link zu Flickr geht nicht.

  3. 16/11/2009Ben says:

    Vielen Dank für den Hinweis. Der Link sollte jetzt stimmen.

  4. 4/01/2010Konsolenjunkie » Konsolen-Rückspiegel, Modell 2009 says:

    [...] die vielbesprochene Flughafenszene? Hat mich in den Previews noch übelst angewidert, im Spiel selbst jedoch überhaupt nicht [...]

Schreibe einen Kommentar: