redbirdx
von Ben am 21/08/2010
In diesem Artikel geht es um Spiele aus der “Quake”-Reihe. Einige Titel dieser Reihe sind in Deutschland indiziert, es gilt das Vertriebs- und Werbeverbot, an das wir uns halten müssen. Wenn im Text “Quake” genannt wird, ist dies als Kurzform für den Titel “Quake Live” zu verstehen. Wir sind schreibfaul und finden Blut und herumfliegende Körperteile im übrigen eher langweilig.
Ich habe vorhin, mehr so aus Zufall, ihr wisst ja wie das mit den Links ist, sie müssen geklickt werden, ich habe also vorhin die Liveübertragung eines “Quake Live”-Spieles gesehen. “Quake Live”, das ist jene Art von gradlinigem 3D-Geballer die man in den Einspielern irgendwelcher Diskussionen zum Thema Killerspiele so gerne zeigt. Man rennt wie wild durch die Gegend, ballert mit dicken Knarren aufeinander und wer besser zielt und die besseren Reaktionen hat, der gewinnt… dachte ich zumindest. Doch was ich da gesehen habe, das war nicht das Quake das ich kannte, das war etwas anderes. Das war nicht jenes Quake, das mir zum ersten mal die Faszination der 3D-Grafik nahegebracht hat und es war nicht das Quake, für das ich und mein bester Kumpel einen Sommer lang fast täglich nach Schulschluss einen Klassenkameraden besuchten, mit dem wir sonst eher wenig zu tun hatten.
Sein neuer Computer hatte nämlich nicht nur ein DVD-Laufwerk, sondern vor allem eine Grafikkarte die genügend Leistung aufbrachte um die moldawische Schwarzmarktkopie des damaligen “Quake Live”-Vorgängers (Q3A) in Bewegung, und uns in Begeisterung zu versetzen. Jedes mal schmerzten die Knie vom Treppensteigen, denn der Junge wohnte im obersten Stockwerk einer dieser kleineren DDR-Neubaublocks die grade noch so niedrig waren, dass man auf den Fahrstuhl verzichtet hatte, aber noch hoch genug aufragten, um den Sozialismus entsprechend zu preisen. Doch der Schmerz in den Beinen wich schnell dem Kopfschmerz, den das irrsinnige Tempo von Q3A bei uns verursachte. Vermutlich waren bloß die schlechte Framerate und leichte Dehydrierung dafür verantwortlich, aber uns erschien es vielmehr als der ultimative Gottesbeweis: Wir waren zu schwach für das Spiel, unwürdig es länger als 30 Minuten am Stück zu spielen! Also wechselten wir uns regelmäßig ab, jeder durfte zwei Runden zocken, dann war der nächste an der Reihe. Wir fühlten uns stark als wir lernten, dass man mit dem Raketenwerfer besser auf den Boden zielt als auf den Gegner, dass der Fachbegriff “Splaschdämäge” lautet und dass man mit einigen gezielten Sprüngen feindlichem Feuer ausweichen konnte. Hätte es damals schon “E-Sport” gegeben, wir hätten uns zusammengetan und einen echten Q3A-Clan gegründet um uns mit anderen Spielern auf dem Feld der Ehre zu treffen. Wir wären so cool gewesen wie unsere Nicknames “redbirdx”, “SoMa” und “der_Kaiser”, ach was, wir wären sogar noch cooler gewesen mit einem Clankürzel davor: “[SPL] redbirdx”, der reine Wahnsinn!
Stattdessen spielten wir nur abwechselnd gegen die computergesteuerten Bots. Als Jahre später das Internet in die Stadt kam, war die Faszination von Q3A längst vorüber.
Man verzeihe den Exkurs, aber das ist das Spiel aus meinen Erinnerungen, etwas verkitscht, etwas größer als in der Realität, aber immer noch das phänomenale Ballerspiel, das “Quake Live” im Kern übernommen hat. Doch das Spiel das ich, eher aus Zufall, vorhin im verpixelten Livestream bestaunen durfte, war anders. Aus dem stumpfen Spiel um Reaktion und Präzision meiner Kindheit war auf einmal ein Strategiespiel geworden, bei dem es vielmehr darum geht dem Gegner im entscheidenden Moment wichtige Ressourcen wie Munition oder Lebenspunkte vorzuenthalten, seine Bewegungen vorherzusagen und ihm entsprechend aufzulauern. Wo wir damals hektisch umherliefen, auf alles ballerten was sich bewegte und lauthals “Quaddämätsch!” riefen, hinaus aus dem Fenster über den mit Sicherheit antifaschistischen Spielplatz, regierte hier kalte Logik. “In acht Sekunden erscheint die rote Rüstung, kann ich sie meinem Gegner wegschnappen, oder wartet er schon dort? Wenn er schon dort ist, kann ich einen Kampf riskieren? Habe ich genügend Lebenspunkte um Notfalls einen Rückzug antreten zu können?” Einen Rückzug! Dort, wo jede Feindberührung eine klare Konsequenz haben sollte, da wurde ernsthaft der Rückzug angetreten! Und überhaupt, wo ist die Grafik hin? Ich erinnerte mich an realistische Marmortreppen, an steinerne Säulen gekrönt von kitschigen Greifen, doch was ich dort sah, war nur grau. Graue Fußböden, graue Wände, dazwischen neongrüne Spielfiguren, alles damit man den Gegner besser erkennen kann und nicht von der einstmals besten Grafik überhaupt abgelenkt wird. Hätten wir es mit diesen Grafikeinstellungen spielen wollen, wir hätten nicht unseren Schulfreund besuchen müssen, Papas Computer im Arbeitszimmer hätte ausgereicht.
Ein Teil von mir ist beeindruckt welche Facetten ein elf Jahre altes Spiel annehmen kann, wie klug und durchdacht seine Regeln sein müssen, dass sie so völlig verschiedene Spielkonzepte zulassen und wie erstaunlich es ist, dass Menschen immer wieder das Gegebene nehmen und es auf die merkwürdigsten Art und Weisen umformen. Wieso nicht aus dem “Killerspiel-Q3A”, dem Rauschmittel pubertierender Jungs, das “Strategiespiel-Quake Live”, eine kommerzielle Sportveranstaltung machen?
Der andere Teil, mein 15-jähriges Ich, der mit leichten Kopfschmerzen in einem durchschwitzen Neubauraum sitzt, der weint ein klein wenig.
Three frags left!
Der wunderschöne Plattenbau entstammt dem Flickrstream von henteaser, der Rest der Montage besteht aus “Quake Live”-Elementen. “Quake Live” © id Software. Der Link auf den ich klicken musste wurde übersendet von @peterpwn.
Es gibt 4 Kommentare zu diesem Artikel: